Diagnostik im Wandel: Was Fachpersonen wissen müssen
Fachlich geprüft von
Inês Lopes

Die Einführung der ICD-11 markiert einen bedeutenden Wendepunkt für die klinische Diagnostik psychischer Störungen. Für Fachpersonen aus Psychologie, Psychiatrie und verwandten Bereichen bedeutet dies eine Auseinandersetzung mit neuen Konzepten, veränderten Kategorien und einer teils grundlegend anderen diagnostischen Logik. Dieser Artikel bietet einen kompakten Überblick über die wichtigsten Neuerungen und zeigt auf, wo sich eine vertiefte Auseinandersetzung lohnt.
Was ist die ICD-11 und warum ist sie relevant
Die International Classification of Diseases (ICD) in ihrer elften Revision wurde von der Weltgesundheitsorganisation (WHO) verabschiedet und löst schrittweise die ICD-10 ab. Für die Schweiz und viele weitere Länder ist die Umstellung mit direkten Auswirkungen auf Diagnostik, Dokumentation und Abrechnung verbunden.
Im Vergleich zur Vorgängerversion wurden zahlreiche Kategorien überarbeitet, neu strukturiert oder gänzlich neu eingeführt. Besonders im Bereich der psychischen Störungen zeigt sich ein deutlicher Wandel weg von starren Kategorien hin zu einem differenzierteren, klinisch praktikableren Verständnis psychischer Störungen.
Für Fachpersonen bedeutet dies nicht nur eine administrative Umstellung, sondern auch eine inhaltliche Weiterbildung. Wer die neue diagnostische Logik versteht, kann Patient:innen präziser einordnen und individueller behandeln.
Der Abschied von der rein kategorialen Diagnostik
Die ICD-10 folgte weitgehend einem kategorialen Diagnostikmodell. Dabei wird eine Störung entweder als vorhanden oder nicht vorhanden betrachtet, basierend auf einer festen Liste von Kriterien, die erfüllt sein müssen. Diese Logik hat sich in der Praxis oft als zu starr erwiesen.
Viele psychische Störungen zeigen sich nicht als klar abgrenzbare Einheiten, sondern als Ausprägungen auf einem Kontinuum. Zwei Patient:innen mit derselben Diagnose können sich in Symptomatik, Schweregrad und Funktionsniveau deutlich unterscheiden, obwohl beide dieselben Kriterien erfüllen.
Die ICD-11 reagiert auf diese Kritik, indem sie in mehreren Bereichen von der rein kategorialen Logik abrückt und dimensionale sowie hybride Modelle einführt. Dies betrifft besonders Diagnosebereiche, in denen Schweregrad und individuelle Ausprägung klinisch bedeutsamer sind als eine reine Ja-Nein-Entscheidung.
Das prominenteste Beispiel hierfür sind die Persönlichkeitsstörungen, die nicht mehr in einzelne Subtypen wie etwa die histrionische oder die zwanghafte Persönlichkeitsstörung unterteilt werden. Stattdessen erfolgt eine Einschätzung des Schweregrads sowie eine Beschreibung anhand von Trait-Domänen wie negativer Affektivität oder Dissozialität.
Wie die Diagnostik im ICD-11 grundsätzlich funktioniert
Auch wenn viele Bereiche weiterhin kategorial strukturiert bleiben, verändert sich die grundsätzliche Herangehensweise an Diagnostik im ICD-11 spürbar. Mehrere Prinzipien prägen das neue System.
Dimensionale Schweregradeinschätzung
Statt nur festzustellen, ob eine Störung vorliegt, wird häufiger erfasst, wie stark ausgeprägt diese ist. Dies ermöglicht eine differenziertere Beschreibung des klinischen Bildes und eine bessere Grundlage für Behandlungsentscheidungen.
Prototypische Beschreibungen statt starrer Kriterienlisten
Viele Diagnosen werden im ICD-11 durch prototypische klinische Beschreibungen definiert. Fachpersonen orientieren sich daran, wie typisch das klinische Bild einer Person dem prototypischen Störungsbild entspricht, statt eine feste Anzahl von Kriterien abzuhaken.
Grössere klinische Flexibilität
Die neue Logik erlaubt es, individuelle Symptomkonstellationen abzubilden, die in einem starren kategorialen System nicht erfasst würden. Dies kommt der klinischen Realität oft näher.
Fokus auf Funktionsniveau
Besonders bei Persönlichkeitsstörungen rückt die Frage, wie stark das Funktionsniveau einer Person in verschiedenen Lebensbereichen beeinträchtigt ist, stärker in den Vordergrund als die reine Symptombeschreibung.
Kulturelle Sensitivität
Die ICD-11 berücksichtigt stärker, dass sich psychische Störungen kulturell unterschiedlich äussern können, und versucht, diagnostische Kriterien entsprechend anpassungsfähiger zu gestalten.
Auswirkungen auf die klinische Praxis
Dieser Wandel in der diagnostischen Logik hat direkte Konsequenzen für den klinischen Alltag. Fachpersonen müssen lernen, mit mehr Ermessensspielraum zu arbeiten, was einerseits mehr klinische Erfahrung erfordert, andererseits aber auch eine passgenauere Diagnostik ermöglicht.
Die Dokumentation wird komplexer, da neben der reinen Diagnose oft zusätzliche Schweregrad- oder Dimensionsangaben erforderlich sind. Dies betrifft auch die Abrechnung, da manche Abrechnungssysteme bislang auf klar kategoriale Diagnosen ausgelegt sind.
Auch der Austausch mit Fachkolleg:innen und die Teilnahme an gezielten Weiterbildungen sind essenziell, um sich mit der neuen Denkweise vertraut zu machen und diese sicher anzuwenden.
Ausblick und vertiefende Fachartikel
Die ICD-11 bringt für Fachpersonen einen bedeutenden Perspektivenwechsel mit sich. Der Abschied von der rein kategorialen Diagnostik hin zu dimensionaleren und prototypischen Ansätzen erfordert ein Umdenken, ermöglicht jedoch gleichzeitig eine präzisere und individuellere Einschätzung psychischer Störungen.
Da die ICD-11 zahlreiche komplexe Neuerungen mit sich bringt, werden einzelne Themenbereiche in den kommenden Monaten in separaten Fachartikeln im Klenico Blog vertieft mit dem Ziel, Fachpersonen praxisnahes Wissen für den klinischen Alltag zu vermitteln.
Folgende Themen sind bereits in Planung:
- Persönlichkeitsstörungen nach ICD-11 und der Wechsel zum dimensionalen Modell
- Trauma und Stressbelastung: PTBS, komplexe PTBS und Anpassungsstörung
- Zwangsspektrum-Störungen als neue eigenständige Kategorie
- Substanzgebrauchsstörungen und Verhaltenssüchte wie die Gaming Disorder
- Geschlechtsinkongruenz und die Entpathologisierung im ICD-11
- Essstörungen und die neue Diagnose Binge Eating Disorder
- ADHS im Erwachsenenalter nach ICD-11-Kriterien
- Angststörungen und ihre Neuerungen im ICD-11
- Depressive Störungen und veränderte diagnostische Kriterien
- Somatoforme und körperbezogene Belastungsstörungen nach ICD-11
- Zwangsstörungen und verwandte Diagnosen bei Kindern und Jugendlichen
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