Wenn Angst Gesellschaft formt – Wie Unsicherheit Solidarität und kulturelle Werte verändert
Fachlich geprüft von
Inês Lopes

Klimakrise, Kriege, Terroranschläge, wirtschaftliche Sorgen und polarisierte Debatten in Sozialen Medien prägen seit Jahren den öffentlichen Diskurs in Europa. In dieser Atmosphäre entstehen nicht nur sachliche Sorgen, sondern oft auch ein tiefes Gefühl von Unsicherheit: Wie sicher ist das eigene Leben? Wie stabil ist die Gesellschaft? Wem kann noch vertraut werden?
In solchen Phasen wird sichtbar, wie stark Angst auf kulturelle Werte, politische Haltungen und Solidarität wirkt. Manche Menschen rücken näher zusammen, organisieren Hilfe, engagieren sich für Demokratie und Menschenrechte. Andere ziehen sich zurück oder wenden sich Bewegungen zu, die klar abgegrenzte Feindbilder, einfache Lösungen und harte Grenzen versprechen.
Die Psychologie bietet verschiedene Erklärungsansätze dafür, wie Angst gesellschaftliches Verhalten beeinflusst. Ein wichtiger Bezugspunkt ist die Terror Management Theorie (TMT), die an die Arbeiten des Anthropologen Ernest Becker anknüpft (Becker, 1973; Greenberg, Pyszczynski & Solomon, 1986). Sie geht davon aus, dass das Bewusstsein der eigenen Sterblichkeit eine tiefe Verunsicherung auslösen kann – und dass kulturelle Werte, Identität und Selbstwert helfen, diese existenzielle Angst abzufedern (Solomon, Greenberg & Pyszczynski, 2015).
In diesem Artikel steht weniger die Theorie im Detail im Mittelpunkt, sondern vor allem die Frage:
Wie verändert Angst den Blick auf andere Menschen – und damit Solidarität, kulturelle Werte und das Zusammenleben?
Was Angst im Inneren auslöst
Angst ist zunächst ein überlebenswichtiges Gefühl. Sie warnt vor Gefahr, erhöht Aufmerksamkeit und sorgt dafür, dass Körper und Geist schnell reagieren können. Kurzfristig kann das hilfreich sein:
- Aufmerksamkeit steigt,
- der Körper mobilisert Energie,
- Entscheidungen werden beschleunigt.
Problematisch wird Angst, wenn sie chronisch wird oder wenn nicht klar ist, woher sie kommt. Bilder von Gewalt, Berichte über Krisen, politische Skandale oder dauerhafte Diskussionen über „Bedrohungen“ können das Gefühl verstärken, dass „etwas Grundsätzliches nicht mehr sicher ist“ - selbst wenn der Alltag nach außen stabil bleibt.
Psychologisch passiert dann häufig:
- Die Wahrnehmung konzentriert sich stärker auf Gefahren und mögliche Feinde.
- Komplexe Themen werden schneller in einfache Kategorien wie „gut“ und „böse“ eingeordnet.
- Der Wunsch nach Kontrolle und Eindeutigkeit nimmt zu.
Aus klinischer Perspektive wird Todesangst zunehmend als transdiagnostisches Phänomen verstanden, das quer durch viele psychische Störungsbilder verläuft (Iverach, Menzies & Menzies, 2014). Sie kann sich als übersteigerte Sorge um Gesundheit, als generalisierte Angst, depressive Symptomatik oder Zwangsverhalten zeigen - muss aber nicht immer so deutlich erkennbar sein.
Kulturelle Werte als psychologischer Schutzschild
Kulturelle Werte geben Orientierung: Sie beantworten Fragen wie „Was ist richtig?“, „Wer gehört dazu?“ und „Was macht ein gutes Leben aus?“. Das können religiöse Werte sein, politische Überzeugungen, nationale Identität, aber auch Alltagsnormen wie Leistungsorientierung, bestimmte Familienbilder oder Vorstellungen von „Normalität“.
In unsicheren Zeiten werden solche Werte häufig zu einer Art Schutzschild:
- Sie vermitteln Zugehörigkeit („Wir gehören zusammen“).
- Sie geben Sinn („Das eigene Leben steht in einem größeren Zusammenhang“).
- Sie versprechen Stabilität („So war es immer, so soll es bleiben“).
Becker (1973) argumentierte, dass viele kulturelle Systeme Menschen das Gefühl geben, Teil von etwas zu sein, das größer ist als das eigene, endliche Leben – ein Versuch, der existenziellen Angst vor dem Tod etwas entgegenzusetzen. Die Terror Management Theorie greift diesen Gedanken auf und fasst zusammen:
Kulturelle Weltbilder (z. B. Religion, Nation, politische Ideale) und ein stabiles Gefühl von Selbstwert fungieren als psychologische Puffer gegen Todesangst (Greenberg et al., 1986; Solomon et al., 2015).
Angst, Solidarität und das „Wir“
Besonders deutlich wird die Wirkung von Angst auf Solidarität in Krisenzeiten:
Mehr Nähe – aber für wen?
In großen kollektiven Stresssituationen lassen sich immer wieder beeindruckende Beispiele von Solidarität beobachten:
- Nach Naturkatastrophen entstehen spontane Hilfsnetzwerke.
- Während einer Pandemie organisieren Nachbarschaften Unterstützung für Risikogruppen.
- Bei Fluchtbewegungen engagieren sich Ehrenamtliche für Geflüchtete.
Hier zeigt sich: Angst vor Verlust oder Leid kann Mitgefühl und Verbundenheit stärken. Die Grenze verläuft jedoch oft entlang dessen, wer als Teil des eigenen „Wir“ erlebt wird: Die eigene Familie, die „eigene“ Nation oder „unsere Werte“ sollen geschützt werden. Gruppen, die als fremd oder bedrohlich wahrgenommen werden, geraten leichter in den Fokus von Misstrauen.
So kann Angst gleichzeitig Solidarität nach innen stärken und Abgrenzung nach außen verschärfen.
Wenn Angst in Abwertung kippt
Werden Unsicherheit und Todesangst immer wieder aktiviert - etwa durch alarmistische politische Rhetorik oder mediale Dauerkrisen - kann sich das auf kulturelle Werte und gesellschaftlichen Umgang auswirken. Forschung zu Terror Management Prozessen zeigt, dass Erinnerungen an die eigene Sterblichkeit (sogenannte „mortality salience“) Tendenzen verstärken können, das eigene Weltbild zu verteidigen und andere Weltanschauungen abzuwerten (Burke, Martens & Faucher, 2010).
Mögliche Folgen:
- Feindbilder verfestigen sich
- Kompromissfähigkeit nimmt ab, weil eigene Werte als „nicht verhandelbar“ erlebt werden
- Menschen mit anderen Meinungen oder Hintergründen werden entwertet oder entmenschlicht
Kulturelle Werte verlieren dann ihren offenen, orientierenden Charakter und werden zu starren Grenzmarkierungen: Wer „dazu gehört“, gilt als schützenswert, wer „draußen“ ist, eher als Bedrohung.
Terror Management Theorie als wissenschaftlicher Bezugspunkt
Die Terror Management Theorie ist kein allumfassendes Erklärungsschema, aber sie liefert hilfreiche Bausteine, um diese Entwicklungen zu verstehen. Sie geht davon aus, dass:
- das Bewusstsein der eigenen Sterblichkeit eine grundlegende Quelle von Angst ist,
- kulturelle Weltbilder und Selbstwertgefühl diese Angst abpuffern und
- Erinnerungen an den Tod Reaktionen auslösen, die das eigene Weltbild und den Selbstwert stärken sollen (Solomon et al., 2015)
Eine große Meta-Analyse zeigt, dass solche Todeserinnerungen tatsächlich mit einer stärkeren Verteidigung der eigenen Werte und Gruppenidentität zusammenhängen - auch in politischen Kontexten (Burke et al., 2010).
Gleichzeitig gibt es Studien, die darauf hinweisen, dass das Bewusstsein der Endlichkeit nicht nur destruktive, sondern auch konstruktive Reaktionen fördern kann - etwa mehr Gesundheitsverhalten, mehr prosoziales Engagement oder mehr Fokus auf das, was als wirklich wichtig erlebt wird (Vail et al., 2012). Entscheidend scheint zu sein, welche Werte aktiviert werden: eng abgrenzende und hierarchische oder tolerante, solidarische und menschenrechtsorientierte.
Was bedeutet das für psychische Gesundheit?
Angst ist zunächst ein Signal. Sie macht sichtbar, was wichtig ist: Sicherheit, Zugehörigkeit, Sinn, Gerechtigkeit. Problematisch wird es, wenn Angst dauerhaft hoch ist oder gezielt geschürt wird.
Lang anhaltende kollektive Unsicherheit kann:
- das Stressniveau in der Bevölkerung erhöhen,
- Ohnmachtsgefühle verstärken,
- depressive oder ängstliche Symptome begünstigen,
- soziale Spannungen verschärfen und dadurch zusätzliche Belastungen erzeugen.
Forschung deutet darauf hin, dass Todesangst in vielen psychischen Störungsbildern eine Rolle spielt und als übergreifender Faktor verstanden werden kann, der Vulnerabilität erhöht (Iverach et al., 2014). Gleichzeitig zeigen Studien, dass Selbstwert, Sinn und stabile soziale Beziehungen wichtige Schutzfaktoren sind, um mit Todeserinnerungen und existenzieller Unsicherheit umzugehen (Routledge et al., 2010).
Wege zu einem bewussteren Umgang mit Angst
Angst wird aus Gesellschaften nicht verschwinden. Aber der Umgang damit kann bewusster gestaltet werden - sowohl individuell als auch politisch und kulturell. Einige Ansatzpunkte, die in psychologischen und gesellschaftlichen Diskussionen immer wieder genannt werden, sind:
Angst benennen statt nur ausagieren
Wenn Unsicherheit, Ohnmachtsgefühle oder Todesangst sprachlich Raum bekommen, müssen sie weniger über Feindbilder, Aggression oder Abwertung anderer „entladen“ werden. Psychotherapie, Beratung, Bildungsarbeit und Medienformate können hierzu beitragen.
Kulturelle Werte reflektieren
Kulturelle Werte sind wichtig und geben Identität. Gleichzeitig kann es hilfreich sein, zu prüfen, wo Werte zu starren Abgrenzungen werden. Eine Leitfrage kann sein: Welche Formen von Schutz werden angestrebt - und wer bleibt dabei außen vor?
Solidarität weiten, nicht verengen
Solidarität muss sich nicht nur auf die eigene Gruppe beziehen. Sie kann sich auch auf Menschen erstrecken, die anders leben, denken oder glauben. Gerade in Krisenzeiten kann eine weite Solidarität helfen, Polarisierung zu reduzieren und das Gefühl von Verbundenheit zu stärken, was wiederum psychisch entlastend wirken kann (Vail et al., 2012).
Medienkompetenz stärken
Viele Ängste werden durch Bilder, Schlagzeilen und zugespitzte Botschaften verstärkt. Ein bewusster Umgang mit Nachrichten - etwa das Prüfen von Quellen, das Reduzieren von Dauerbeschallung mit Krisenmeldungen oder das gezielte Suchen nach konstruktiven Formaten - kann helfen, das eigene Angstniveau zu regulieren.
Abschluss
Angst gehört zum Menschsein, besonders in Zeiten verdichteter Krisen. Sie macht sichtbar, wie wichtig Sicherheit, Sinn, Zugehörigkeit und Gerechtigkeit sind. Doch Angst muss nicht zwangsläufig zu Abschottung, Feindbildern und starren kulturellen Grenzen führen.
Psychologische Ansätze wie die Terror Management Theorie erinnern daran, dass hinter vielen politischen Konflikten auch existenzielle Fragen stehen: Wie wird mit Endlichkeit, Verletzlichkeit und Unsicherheit gelebt? Wie können Gesellschaften gestaltet werden, in denen Menschen trotz dieser Erfahrungen gut miteinander leben können?
Je bewusster Angst, kulturelle Werte und Solidarität reflektiert werden, desto größer wird die Chance, dass Unsicherheit nicht nur zu Spaltung führt, sondern auch zu neuen Formen von Verbundenheit, Mitgefühl und gemeinsamer Verantwortung. In dieser Perspektive wird der Umgang mit Angst zu einer zentralen Aufgabe - sowohl für die psychische Gesundheit Einzelner als auch für die Zukunft demokratischer Gesellschaften.
Quellen
Becker, E. (1973). The denial of death. New York, NY: Free Press.
Burke, B. L., Martens, A., & Faucher, E. H. (2010). Two decades of terror management theory: A meta-analysis of mortality salience research. Personality and Social Psychology Review, 14(2), 155–195. https://doi.org/10.1177/1088868309352321
Greenberg, J., Pyszczynski, T., & Solomon, S. (1986). The causes and consequences of a need for self-esteem: A terror management theory. In R. F. Baumeister (Hrsg.), Public self and private self (S. 189–212). New York, NY: Springer.
Iverach, L., Menzies, R. G., & Menzies, R. E. (2014). Death anxiety and its role in psychopathology: Reviewing the status of a transdiagnostic construct. Clinical Psychology Review, 34(7), 580–593.
Routledge, C., Ostafin, B., Juhl, J., Sedikides, C., Cathey, C., & Liao, J. (2010). Adjusting to death: The effects of mortality salience and self-esteem on psychological well-being, growth motivation, and maladaptive behavior. Journal of Personality and Social Psychology, 99(6), 897–916. https://doi.org/10.1037/a0021431
Solomon, S., Greenberg, J., & Pyszczynski, T. (2015). The worm at the core: On the role of death in life. New York, NY: Random House.
Vail, K. E., III, Juhl, J., Arndt, J., Vess, M., Routledge, C., & Rutjens, B. T. (2012). When death is good for life: Considering the positive trajectories of terror management. Personality and Social Psychology Review, 16(4), 303–329. https://doi.org/10.1177/1088868312440046

